Günther Tengel (Chairman Amrop CEE) sprach mit Jimmy Chen (CEO Amrop China).

Leaders Talk: Insights & Learnings from China

Während in Europa das Coronavirus gerade erst seinen Höhepunkt überschritten hat, kehrt China langsam zur Normalität zurück. Günther Tengel (Managing Partner & Chairman Amrop CEE) sprach mit Jimmy Chen, CEO & Managing Partner Amrop China, um herauszufinden, wie China mit der Krise umgegangen ist und welche Auswirkungen das Virus nach wie vor auf die chinesische Wirtschaft hat.

Learning #1: Leichter Optimismus ja, aber noch nicht stabil

Obwohl auch in der chinesischen Stadt Shanghai das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben langsam wieder anläuft, ist nach wie vor Vorsicht geboten. „Der Gefahr einer zweiten Infektionswelle ist sich hier jeder bewusst“, erklärt Jimmy Chen, der seine Erfahrungen im Umgang mit dem Coronavirus in einem Video-Call an uns weitergegeben hat. Und auch von einer Wiederherstellung des wirtschaftlichen Gleichgewichts ist man in China noch weit entfernt, denn während sich die Kurven in Europa langsam stabilisieren, ist man in den USA und in UK längst noch nicht so weit. „Vor diesem Hintergrund möchte ich nicht zu optimistisch sein, denn ich weiß, dass ein großer Teil der chinesischen Produktion für den anderen Teil der Welt bestimmt ist, und solange sich diese Teile nicht stabilisiert haben, wird die Wiederherstellung des Gleichgewichts noch einige Zeit dauern“, so Chen.

Learning #2: Rückblick & aktueller Status in China

Der Beginn des Ausbruchs von Covid-19 war auch in China von einem ständigen Beobachten der Kurven begleitet. Zusätzlich verließ sich Jimmy Chen auf seine eigenen Einschätzungen: „Natürlich haben wir uns auch die von der Regierung veröffentlichten Fakten und Zahlen angeschaut, aber wir wussten auch, dass die Abriegelung von Wuhan bedeutet, dass etwas wirklich Ernstes passiert, etwas noch nie Dagewesenes. Die anfänglichen Kurven zeigten zwar nur eine kleine Anzahl von Fällen, aber wir sahen, dass die Kurve exponentiell anstieg. Mein gesunder Menschenverstand hat mir also gesagt, dass wir etwas unternehmen müssen. Also schlossen wir unser Büro schon kurz bevor uns die Empfehlungen der Regierung erreichten. Meine unmittelbare Reaktion war, mich um die Menschen in unserem Team und ihre Familien zu kümmern.“ Vorausschauendes Handeln und die Tendenz gewisse Maßnahmen etwas zu übertreiben hält er nach wie vor für essenziell im Umgang mit solchen Krisensituationen. „Wir haben uns durch unsere verschärften Schutzmaßnahmen, den sofortigen Einsatz von Masken etc., gegenseitig geholfen, denn die Menschen fühlten sich plötzlich wieder etwas zuversichtlicher und waren deutlich beruhigter. Wir haben sozusagen einen Schutzpanzer um uns herum aufgebaut“, erklärt Chen. Natürlich konnte man sich in China aber auch auf die Erfahrungen im Umgang mit SARS stützen, fügt der CEO noch hinzu. „Unser Gefühl für solche Krisensituationen, ist, glaube ich, ein bisschen stärker ausgeprägt als in vielen anderen Ländern. Und die Vergangenheit hat gezeigt, dass sich mit Aktionen bessere Erfolge erzielen lassen als mit Reaktionen.“

Learning #3: Unternehmen & Wirtschaft: Gewinner & Verlierer

Auch in China trifft die Coronakrise Luftfahrt, Gastgewerbe und Hotellerie besonders hart. Von Bekannten aus dem Hotelgewerbe weiß Jimmy Chen, dass sie mit noch nie dagewesenen Verlusten zu kämpfen haben. „Andere Branchen, die stark unter der Krise leiden, sind Banken, die Automobilindustrie, die Modeindustrie und Industrien, die Luxusgüter verkaufen. Hier rechnen die Unternehmer mit massiven Einbußen. In diesen Branchen werden wir wahrscheinlich sogar einen Rückgang der kurzfristigen Einnahmen von 70 bis 80 Prozent erleben. Das gilt natürlich auch für die exportorientierten Industrien. Auf der anderen Seite florieren die Bereiche der medizinischen Versorgung, der allgemeinen Gesundheitsfürsorge, aber auch der Medien und Unternehmen, die mit der Entwicklung von E-Learning- und E-Commerce-Tools zu tun haben. Und wie wir in den letzten Wochen gesehen haben, decken sich die Menschen verstärkt mit Lebensmitteln und Getränken ein“, beschreibt Chen. Ob Corona auf längere Sicht Kostensenkungs- und Effizienzprogramme nach sich ziehen könnte, sieht der CEO skeptisch. Zwar gab es vor allem in den bereits angesprochenen Branchen Entlassungen, doch sollte dabei nicht darauf vergessen werden, dass Massenarbeitslosigkeit schnell zu einem enormen sozialökonomischen Problem werden würde. Außerdem warnt Chen davor, hier alle Länder in einen Topf zu werfen. 

Learning #4: Lernen aus der Krise & auf die neue Normalität vorbereiten/einstellen

Kurzfristige Zukunftsprognosen möchte Jimmy Chen nicht abgeben, er ist jedoch davon überzeugt, dass unsere Zukunft anders aussehen wird und wir uns schrittweise auf eine neue Normalität zubewegen. „Wir sollten deshalb versuchen, uns vorzustellen wie diese neue Normalität aussehen könnte. Und von Fall zu Fall sehen, von Business zu Business und Land für Land. Ich glaube nicht, dass die Globalisierung in derselben Form voranschreiten wird. Und ich denke, dass jedes Land lernen muss, zurückzublicken und das Gelernte in die Zukunft zu projizieren. Außerdem glaube ich, dass es viel mehr Online-Aktivitäten geben wird und dass maschinelles Lernen und neue Formen des Einzelhandels eine größere Rolle spielen werden.“

Learning #5: Fokus auf Mitarbeiter & Leadership, um gestärkt als Team hervorgehen

Darüber hinaus haben Entscheidungsträger und Vorgesetzte durch die veränderte Arbeitssituation ein klareres Bild davon erhalten, wer sich besonders auszeichnet und wer weniger gut performt. „Obwohl man nicht zusammen in einem Büro sitzt, bekommt man ein gutes Gefühl dafür, denn man kriegt immer noch mit, wer sich beteiligt und öfters die Hand hebt“, sagt Chen. Als Führungskraft sollte man sich während solcher Krisensituationen vor allem darauf konzentrieren, alle kontrollierbaren Aspekte zu kontrollieren und selbstbewusst agieren, um den MitarbeiterInnen Halt zu geben. Dann kann sogar ein stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl im Team entstehen, wie Jimmy Chen es bei seinen MitarbeiterInnen erlebt hat. „Der Teamgeist ist voll da“, erklärt er lachend.