VIdeo Interview Amrop Jenewein Vybiral Tengel
Ricardo-José Vybiral (KSV1870) im Gespräch mit Günther Tengel, Managing Partner Amrop Jenewein

Österreichs Unternehmen – der Blick nach vorne

Um die Auswirkungen der Corona-Krise auf die österreichischen Unternehmen besser einschätzen zu können, hat der Kreditschutzverband von 1870 eine umfassende Umfrage durchgeführt. Im Video-Interview hat Geschäftsführer Ricardo-José Vybiral seine Erkenntnisse aus der Umfrage wie auch aus den vergangenen sechs Wochen mit uns geteilt.

Insights zur KSV-Umfrage unter Top-Unternehmen & aktuelle Insolvenzzahlen

Nach sechs Wochen Shutdown und dem damit verbundenen Ausnahmezustand zieht nun auch in Österreich langsam wieder etwas Normalität ein. Unter bestimmten Vorsichtsmaßnahmen können viele Menschen nun auch wieder zurück in ihre Büros und Produktionsstätten. Die tatsächlichen wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise auf die österreichischen Unternehmen, hat der Kreditschutzverband von 1870 mittels einer umfassenden Umfrage unter einigen österreichischen Top-Unternehmen analysiert. Geschäftsführer Ricardo-José Vybiral fasst die Ergebnisse der Umfrage folgendermaßen zusammen: „Wir sehen anhand unserer Umfrage, dass rund zwei Drittel (68 Prozent) der Unternehmen sehr stark oder eher stark betroffen sind. Besonders stark betroffen sind etwa 27 Prozent. Zwei bis drei Prozent sind gar nicht betroffen und die restlichen Unternehmen sind eher weniger betroffen.“

Blickt man jedoch auf die Insolvenzzahlen, erläutert Vybiral, dann zeichnet sich ein spannendes Phänomen ab. „In der Regel ist es nämlich so, dass es pro Woche rund 100 Unternehmensinsolvenzen gibt. Diese Zahl ist aktuell auf die Hälfte heruntergeschlittert, weil die Unternehmen die Maßnahmen der Rettungsschirme in Anspruch nehmen. Dazu kommt der Effekt, dass die größten Insolvenzanmelder, das Finanzamt und die Gesundheitskassen, aktuell keine Insolvenzanträge einbringen. Die Unternehmen sind also vorsichtig und nutzen die Chancen der Rettungsschirme sehr aktiv“, fasst er zusammen. Allerdings sollte man sich von diesen Zahlen nicht täuschen lassen, da sich erst nach den Sommermonaten die wahren Dimensionen der heranrollenden Insolvenzwelle zeigen werden.

Positiv möchte Ricardo-José Vybiral aber Wirtschaftskraft und Kapitalkraft der österreichischen Unternehmen hervorheben. „Seit 2015 ist die Eigenkapitalquote, die davor schon recht hoch war, jedes Jahr um weitere zwei Prozent gestiegen. Und diese Kapitalkraft hilft uns momentan ein wenig dabei durch diese Krise zu kommen. Die österreichischen Unternehmen haben einiges gelernt, sie haben gesehen, dass die Eigenkapitalquote gesteigert werden muss, um solche Stürme gut durchzustehen“, so Vybiral. 

Mittelfristige Verfahren um Unternehmen wieder hochzufahren

Während den meisten Unternehmen relativ klar sein dürfte, welche kurzfristigen Maßnahmen zu setzen sind, besteht in vielen österreichischen Firmen noch Unklarheit darüber, was zu tun ist, wenn Kostenmanagement und Ressourcenmanagement nicht mehr ausreichen. Obwohl es natürlich leichter gesagt als getan ist, hebt Vybiral hier als ersten Punkt die Liquidität hervor. „Darüber hinaus kann es auch entscheidend sein, eine starke Nähe zu seine Partnern, Lieferanten, Kunden und MitarbeiterInnen aufzubauen und zu erhalten. Wir befinden uns in einer Zeit des Social Distancing, umso wichtiger ist diese Nähe“, sagt der CEO. Eine gewisse Krisenlethargie stellt sich in einer solch herausfordernden Zeit zwar schnell ein, sollte aber vermieden werden. „Das Management muss sich unbedingt auf der Kommandobrücke aufhalten und den Blick in die Zukunft richten.“

Investitionen durch Unternehmen

Auch auf die Investitionsfreudigkeit der Unternehmen hat sich die Krise dramatisch ausgewirkt. Nur rund 13 Prozent der Unternehmen werden die für 2020 geplanten Maßnahmen auch wirklich umsetzen, wodurch es zu einem Investitionsrückstau kommen wird. „Positiv zu vermerken ist in diesem Zusammenhang allerdings, dass sich viele Unternehmen schon vor der Krise ein Eigenkapital aufgebaut haben. Das hätten wir vor Covid-19 vielleicht noch kritisiert, hilft uns aber jetzt dabei, zumindest die verbleibenden Investitionen richtig zu allokieren“, sagt Vybiral.

Motivation der MitarbeiterInnen

Zwar ist jenes Solidaritätsgefühl, das unsere Gesellschaft in den letzten Wochen entscheidend geprägt hat, auch in den Unternehmen und jeweiligen Teams zu spüren, trotzdem steht und fällt der Unternehmenserfolg auch in Krisenzeiten mit der Motivation der MitarbeiterInnen. „Man sollte unbedingt versuchen im Dialog zu bleiben und ein möglichst klares Zukunftsbild zeichnen. Was wir aber nicht zeichnen dürfen, ist dasselbe Bild wie vorher. Die Welt wird nicht mehr so aussehen wie zuvor. Wir müssen Meilensteine und neue Wege erkennen, Prozesse überdenken und schauen, wie wir Themen anders angehen und dimensionieren. Ich glaube schon, dass wir mit einer Vision, einer Mission und klaren Szenarien sehr positiv in Richtung der eigenen MitarbeiterInnen agieren können“, erklärt Vybiral. Entscheidend ist der Wille, etwas gemeinsam zu bewegen. Diesen zu entfachen und aufrecht zu erhalten, sei jedoch Aufgabe des Managements, betont der CEO.

Blick in die Glaskugel

Wie der Rest dieses herausfordernden Jahres aussehen könnte, lässt sich momentan nur erahnen. Trotzdem wagt Ricardo-José Vybiral den Blick in die Glaskugel – und der fällt durchwegs positiv aus. „Wenn wir auf unseren Wirtschaftsstandort blicken und versuchen mit Kraft, Energie und Mut an die Sache zu gehen und Dinge wieder aufzubauen, dann gibt es wieder Chancen“, fasst er zusammen. Trotzdem warnt er davor, darauf zu bauen, dass diese Chancen entgangene Umsätze zur Gänze kompensieren werden. „Aber wir sehen zum Beispiel, dass vor der Krise zwei Drittel der österreichischen Unternehmen keine digitale Agenda hatten. Bei unserer Befragung haben wir aber gesehen, dass das wichtigste Thema momentan die Digitalisierung ist“, so Vybiral. Mit einer positiven Anmerkung möchte der Geschäftsführer des KSV1870 das Interview auch abschließen: „Ich glaube, dass Österreich als Wirtschaftsstandort aufgrund der starken Kapitalstruktur und aufgrund der Art und Weise wie die Regierung Maßnahmen ergriffen hat, international in einer Pole Position ist und wir deshalb schneller wieder loslegen können. Wir haben gute Chancen, weil vor der Krise schon gut gewirtschaftet wurde.“